Teil 5/5 KAP Forum Newsletter

Die fünfteilige KAP-Newsletterfolge widmet sich dem Prinzip der Suffizienz in Architektur, Stadt- und Landschaftsbau: der Idee, durch bewusste Reduktion von Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit zu erreichen. Expertinnen und Experten aus Planung, Wirtschaft und Wissenschaft beleuchten, wie Suffizienz zu einer neuen Baukultur führen kann.
Anfang 2026 stieß Gerhard G. Feldmeyer, Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation, beim Ausmisten auf einen Werkbericht von 1962 zum Thyssenhaus in Düsseldorf, einer Ikone der Nachkriegsmoderne. Die Lektüre offenbart überraschend aktuelle Themen: klare Typologien, zahlreiche technische Details und eine konsequente Auseinandersetzung mit Konstruktion, Material und Nutzung.
Leichtigkeit als konzeptionelles Prinzip
Zentrales Leitmotiv ist die Leichtigkeit – gestalterisch wie konstruktiv. Die gegeneinander versetzten Baukörper wirken schwebend, Lasten werden direkt abgetragen, unnötige Umlenkungen vermieden. Der systematische Grundriss ermöglicht wirtschaftliche Spannweiten und serielle Bauweisen. Innenliegende Räume wurden vermieden, alle Arbeitsplätze erhalten Tageslicht und Außenbezug. Bereits damals wurde über Open Space diskutiert. Die Entscheidung für einen Stahlskelettbau – auch als Showcase für Thyssen – erlaubte hohe Flexibilität.
Materialeffizienz und „tote Lasten“
Ein wichtiger Ansatz ist die Reduktion sogenannter „toter Lasten“, also unnötigen Eigengewichts. Massive Wände wurden weitgehend vermieden, Deckensysteme intensiv auf Gewicht, Brandschutz und Schallschutz optimiert. Ergebnis war eine nur acht Zentimeter starke Stahlbetonrippendecke mit leichten Zuschlägen. Das Fassadenkonzept zielte ebenfalls auf Gewichtsreduktion: Aluminiumkonstruktion statt schwerer Wandaufbauten, leichte feuerbeständige Brüstungen. Insgesamt wurde der Rohbau konsequent auf minimale Masse bei ausreichender Leistungsfähigkeit ausgelegt.
Zur Raumlufttechnik
Ursprünglich waren öffenbare Fenster geplant, doch Lärm, Wärmebelastung und Wind führten zu einer Festverglasung mit Lüftungstechnik. Statt zentraler Anlagen entschied man sich für dezentrale Lüftungsgeräte auf jedem Geschoss, um Flächenbedarf zu reduzieren. Die Luftverteilung erfolgte über abgehängte Decken, individuelle Regelung gab es nicht. Ergänzend sorgten Heizkörper in den Brüstungen für thermische Behaglichkeit.
Vorreiter der Leichtbauweise
Das Thyssenhaus steht exemplarisch für ressourcenschonendes Bauen. Neben Materialknappheit nach dem Krieg spielte der Innovationsgeist eine zentrale Rolle. Es lässt sich ein bewusster, respektvoller Umgang mit Ressourcen erkennen, der über reine Zwänge hinausging.
Gedankenspiel: Thyssenhaus 2000
Rückblickend beschreibt Gerhard G. Feldmeyer, wie er selbst um 2000 geplant hätte: eine vollständig verglaste Fassade mit öffenbaren Fenstern, Dreifachverglasung und außenliegendem Sonnenschutz. Dies hätte das Fassadengewicht mehr als verdoppelt. Größere Spannweiten für bessere Sicht hätten zu deutlich dickeren Decken und höherem Materialeinsatz geführt. Auch die Gebäudetechnik wäre komplexer und umfangreicher geworden, mit zentralen Lüftungsanlagen, höheren Luftwechselraten und zusätzlicher Kühlung.
Gebäudetechnik und Performance Gap
Ein zentrales Problem moderner Gebäude ist das Nutzerverhalten, das zu Abweichungen zwischen berechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch führt. Sicherheitszuschläge führen zu überdimensionierten Anlagen und weiterem Ressourcenverbrauch. Komplexe Technik erhöht somit Gewicht, Kosten und Flächenbedarf.

Ausblick: Thyssenhaus 2040
Für die Zukunft skizziert Gerhard G. Feldmeyer ein ressourceneffizientes Konzept: eine „atmende“ Gebäudehülle mit integrierter Photovoltaik, reduzierte Glasanteile, nicht öffenbare Fenster mit intelligenter Verschattung. Dezentrale, sensorgesteuerte Lüftung könnte mechanische Anlagen weitgehend ersetzen. Materialien würden aus Kreislaufprozessen stammen, ergänzt durch nachwachsende Rohstoffe. Innovative Deckenlösungen und Hybridtragwerke aus Holz und CO₂-reduziertem Beton sollen den Materialeinsatz minimieren. Ziel ist es, wieder in die Gewichtsdimensionen des Originals zu kommen.
Ausblick: Rückkehr zur Suffizienz
Gerhard G. Feldmeyer plädiert für einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von technikgetriebenem Entwerfen hin zu Suffizienz und Bauen innerhalb planetarer Grenzen. Weniger Materialeinsatz bedeutet weniger graue Energie, geringere Kosten und bessere Klimabilanz. Kreislaufwirtschaft und Nutzung von Sekundärrohstoffen können Abhängigkeiten reduzieren. Entscheidend ist das Zusammenwirken aller Beteiligten. Nur so lassen sich ressourcenschonende Gebäude realisieren und zukünftige „Stranded Assets“ vermeiden.
WENIGER IST MEHR
Teil 5/5 KAP Forum Newsletter
KAP Forum: Weniger ist mehr – Teil 5
Quellen:
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Schneider, M. (1962) Bemerkenswerte Einzelheiten der Statik und Konstruktion des Phoenix-Rheinrohr-Hochhauses in Düsseldorf. Stahlbau, 32: 7–14.
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Hauke, B. (2019), Dreischeibenhaus Düsseldorf: der Stahlskelettbau ist eine Ikone der Moderne. Stahlbau, 88: 706-710. https://doi.org/10.1002/stab.201910114






